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Hey ChatGPT...

Warum glauben wir, dass kompetente Menschen immer ruhig, sachlich und kontrolliert auftreten müssen? Ein psychologischer Impuls über Selbstpräsentation, gesellschaftliche Erwartungen und den Mut, authentisch zu bleiben.

Paulina Heck ·

Hey ChatGPT...

Muss Kompetenz immer seriös aussehen?

Über die Angst, nicht ernst genommen zu werden, die Grenzen der Authentizität und unsere Vorstellung davon, wie kompetente Menschen sein sollten.

Stell dir vor, du sitzt in einem beruflichen Gespräch. Du hast eine gute Idee, möchtest etwas beitragen und bist eigentlich ziemlich begeistert. Aber bevor du sprichst, überlegst du kurz:

Ist das jetzt zu direkt? Sollte ich das sachlicher formulieren? Vielleicht lieber nicht so enthusiastisch wirken?

Also passt du dich an. Du sprichst etwas ruhiger, wählst andere Worte und lässt den Witz weg, der dir gerade eingefallen ist.

Das Gespräch läuft gut. Niemand bemerkt etwas.

Aber vielleicht kennst du dieses Gefühl, hinterher zu denken: Warum habe ich mich eigentlich so zurückgenommen?

Wenn Professionalität zur Rolle wird

Wir alle passen unser Verhalten unterschiedlichen Situationen an. Mit engen Freundinnen und Freunden sprechen wir anders als mit Vorgesetzten. In einem Bewerbungsgespräch zeigen wir andere Seiten als an einem entspannten Sonntagmorgen.

Diese Anpassung ist zunächst nichts Ungewöhnliches.

In der Sozialpsychologie wird die bewusste oder unbewusste Steuerung des Eindrucks, den andere von uns gewinnen, als Impression Management bezeichnet. Leary und Kowalski (1990) beschreiben, dass Menschen nicht nur beeinflussen möchten, wie andere sie wahrnehmen, sondern dabei auch soziale Erwartungen, eigene Ziele und ihr Selbstbild berücksichtigen.

Wir fragen uns also nicht nur, wer wir sind, sondern auch, wie wir sein sollten, um in einer bestimmten Situation akzeptiert zu werden.

Das kann hilfreich sein. Schließlich erleichtern gemeinsame Verhaltensregeln die Zusammenarbeit und schaffen Orientierung.

Interessant wird es allerdings dort, wo aus einer situativen Anpassung eine dauerhafte Selbstkontrolle wird.

Wenn wir nicht mehr nur darauf achten, was wir sagen, sondern ständig überprüfen, ob unsere ganze Persönlichkeit angemessen wirkt.

Wer hat eigentlich entschieden, wie Kompetenz aussieht?

Wir verbinden Professionalität häufig mit bestimmten Eigenschaften.

Sachlichkeit. Ruhe. Selbstbeherrschung. Souveränität.

Menschen, die kontrolliert auftreten und ihre Aussagen sorgfältig formulieren, können besonders kompetent wirken. Dabei ist die Art, wie jemand auftritt, nicht automatisch ein zuverlässiger Maßstab für das tatsächliche Fachwissen.

Die sozialpsychologische Forschung zur Personenwahrnehmung unterscheidet unter anderem zwischen Wärme und Kompetenz. Beide Dimensionen beeinflussen, wie wir andere Menschen einschätzen (Fiske et al., 2002).

Das bedeutet jedoch nicht, dass wir Kompetenz objektiv erkennen, nur weil jemand selbstbewusst spricht oder besonders seriös wirkt.

Eine Person kann ruhig auftreten und fachlich ungenau sein.

Eine andere kann laut lachen, ungewöhnliche Vergleiche benutzen, sarkastisch sein und trotzdem ausgezeichnete Arbeit leisten.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger zwischen professionellem Verhalten und professioneller Inszenierung unterscheiden.

Denn Verantwortung, Zuverlässigkeit und Fachkompetenz sind nicht dasselbe wie eine perfekt kontrollierte Außenwirkung.

Was kostet es uns, ständig angemessen zu wirken?

Manchmal ist es anstrengend, immer die richtige Version von sich selbst präsentieren zu wollen.

In der Arbeitspsychologie wird unter dem Begriff Emotional Labor untersucht, wie Menschen ihre Emotionen regulieren, um beruflichen Erwartungen zu entsprechen.

Eine Form davon ist das sogenannte Surface Acting: Nach außen wird ein Gefühl dargestellt, das innerlich gerade nicht erlebt wird.

Die Psychologin Alicia Grandey (2003) fand in einer Untersuchung zu beruflicher Emotionsarbeit einen Zusammenhang zwischen dieser oberflächlichen Emotionsdarstellung und erhöhtem Stresserleben.

Die Ergebnisse lassen sich nicht einfach auf jede Form der Selbstpräsentation übertragen. Sie verdeutlichen aber, dass die Anpassung des emotionalen Ausdrucks an berufliche Erwartungen psychologisch relevant sein kann.

Natürlich müssen wir nicht jeden Gedanken aussprechen oder jede Emotion unmittelbar zeigen.

Die entscheidende Frage ist vielmehr:

Wie viel Energie verwenden wir darauf, nicht unangemessen zu wirken?

Und was passiert, wenn wir irgendwann kaum noch unterscheiden können, wann wir uns bewusst anpassen und wann wir aus Angst vor der Bewertung anderer handeln?

Wenn sogar unsere Worte perfekt werden sollen

Inzwischen kommt eine weitere Entwicklung hinzu: künstliche Intelligenz.

Wir können unsere Nachrichten, Bewerbungen und öffentlichen Beiträge innerhalb weniger Sekunden überarbeiten lassen.

Professioneller. Freundlicher. Souveräner. Überzeugender.

Das kann ungemein hilfreich sein. Gerade wenn uns die richtigen Worte fehlen oder wir Gedanken verständlicher ausdrücken möchten.

Aber es lohnt sich, genauer hinzusehen.

In einer experimentellen Studie zeigten Doshi und Hauser (2024), dass KI-Unterstützung die bewertete Kreativität einzelner Kurzgeschichten verbessern konnte. Gleichzeitig ähnelten sich die KI-unterstützten Geschichten stärker.

Das bedeutet nicht, dass KI automatisch unsere Individualität auslöscht. Es wirft aber eine interessante Frage auf:

Was passiert mit unserer persönlichen Ausdrucksweise, wenn wir Sprache immer häufiger danach optimieren, möglichst professionell zu klingen?

Vielleicht verschwindet dann nicht nur ein holpriger Satz. Vielleicht verschwinden auch Eigenheiten, ungewöhnliche Gedanken oder Formulierungen, die etwas über uns erzählen.

Nicht jeder Gedanke muss druckreif sein, um wertvoll zu sein.

Und nicht jede sprachliche Unvollkommenheit muss korrigiert werden.

Authentisch sein bedeutet nicht, alles von sich zu zeigen

Es wäre allerdings zu einfach, daraus den Schluss zu ziehen, dass wir immer ungefiltert sein sollten.

Authentizität ist keine Verpflichtung zur vollständigen Offenheit.

Gerade in beratenden, pädagogischen oder psychologischen Tätigkeiten sind klare Grenzen wichtig. Nicht jede persönliche Erfahrung gehört in die Öffentlichkeit. Nicht jeder Witz passt zu jeder Situation. Und nicht jede spontane Äußerung ist verantwortungsvoll.

Professionelles Handeln bedeutet auch, die möglichen Auswirkungen des eigenen Verhaltens zu berücksichtigen.

Aber zwischen verantwortungsvollem Verhalten und der ständigen Unterdrückung der eigenen Persönlichkeit liegt ein großer Unterschied.

Du kannst humorvoll und gewissenhaft sein.

Du kannst emotional und reflektiert sein.

Du kannst Unsicherheiten haben und trotzdem kompetente Entscheidungen treffen.

Du musst nicht immer souverän wirken, um Verantwortung übernehmen zu können.

Ein kleiner Impuls für dich

Vielleicht möchtest du dir einen Moment nehmen und über drei Fragen nachdenken:

1. In welchen Situationen veränderst du deine Persönlichkeit, um kompetenter oder professioneller zu wirken?

Vielleicht sprichst du weniger lebhaft, stellst bestimmte Fragen nicht oder hältst deinen Humor zurück.

2. Was befürchtest du, wenn du dich weniger kontrollierst?

Geht es um mögliche Kritik? Darum, nicht ernst genommen zu werden? Oder um die Sorge, Erwartungen nicht zu erfüllen?

3. Welche dieser Erwartungen sind tatsächlich notwendig – und welche hast du irgendwann übernommen, ohne sie noch einmal zu hinterfragen?

Du musst diese Fragen nicht sofort beantworten.

Vielleicht fällt dir in den kommenden Tagen einfach einmal auf, wann du dich bewusst zurücknimmst. Und ob du das gerade möchtest oder nur glaubst, es tun zu müssen.

Vielleicht dürfen wir Kompetenz neu denken

Professionalität braucht Grenzen. Sie braucht Verantwortungsbewusstsein und die Bereitschaft, das eigene Handeln zu hinterfragen.

Aber sie braucht keine makellose Persönlichkeit.

Wir müssen weder jede Unsicherheit verstecken noch jeden Satz perfektionieren, um ernst genommen werden zu dürfen.

Vielleicht liegt ein wichtiger Teil professioneller Reife sogar darin, zu wissen, wann wir uns anpassen müssen und wann wir aufhören dürfen, eine Rolle zu spielen.

Denn die Frage ist nicht nur, wie wir auf andere wirken möchten. Sondern auch, wie viel von uns selbst dabei noch sichtbar bleibt.

Wissenschaftliche Grundlagen

  • Leary, M. R., & Kowalski, R. M. (1990). Impression management: A literature review and two-component model. Psychological Bulletin, 107(1), 34–47. https://doi.org/10.1037/0033-2909.107.1.34
  • Fiske, S. T., Cuddy, A. J. C., Glick, P., & Xu, J. (2002). A model of (often mixed) stereotype content: Competence and warmth respectively follow from perceived status and competition. Journal of Personality and Social Psychology, 82(6), 878–902. https://doi.org/10.1037/0022-3514.82.6.878
  • Grandey, A. A. (2003). When “the show must go on”: Surface acting and deep acting as determinants of emotional exhaustion and peer-rated service delivery. Academy of Management Journal, 46(1), 86–96. https://doi.org/10.5465/30040678
  • Doshi, A. R., & Hauser, O. P. (2024). Generative AI enhances individual creativity but reduces the collective diversity of novel content. Science Advances, 10(28). https://doi.org/10.1126/sciadv.adn5290